Senkrechte Felswüste Oman


Senkrechte Felsenwüste Oman
Text: Pauli Trenkwalder Foto: Pauli Trenkwalder & Helli Gargitter

Noch 5 Stunden und 20 Minuten bis die Sonne hinter den Felsvorsprüngen verschwindet. Zu genau haben wir die Tage vorher den Verlauf der Sonne beobachtet, um zu wissen, dass wir weiterhin schwitzen werden. Doch die Götter sind uns gnädig und schicken eine hohe Schleierbewölkung. Auch wenn diese nur sehr dünn ist, so schwächt sie die Kraft der Sonne doch und aus unerträglicher Hitze wird "nur" ein heißer Klettertag. Wir sind schon so hoch oben in der Wand, dass wir in ihr verschwunden sind. Irgendwo über mir klettert Helli, sucht einen Weg wie wir durch dieses Bollwerk kommen. Ich hänge am Stand, zähle die Stunden und Minuten bis der Schatten kommt, zähle die schon gekletterten Seillängen und wiederhole sie immer wieder im Geiste, um sie nicht zu vergessen. Nicht zum Schluss, zähle ich die Wasserflaschen. All das, was uns wichtig ist, wird schon fast neurotisch zwanghaft immer wieder und wieder gezählt. Meine Gedankengänge am Standplatz werden nach jeder fertigen Seillänge unterbrochen. Ich lade mir den Rucksack auf, hänge die Sicherung aus und beginne nachzusteigen. An phantastischem Muschelkalk klettere ich hinterher und sammle die gelegten Zwischensicherungen ein. Am Standplatz angekommen berichte ich über das Gezählte. Beide schauen wir nach oben, danach wie und wo es weiter geht und wieder stehen wir am Beginn einer neuen Seillänge. Alles wiederholt sich, nur die Seillängen werden mehr, die Stunden bis zum Schatten weniger und das Trinkwasser verebbt bei gleich bleibender Anzahl von Flaschen. Vor zehn Jahren hatte Helli schon ein Bild vom Jebel Misht; mehrere Kilometer breit und 1000 Meter hoch. Jetzt sind uns die Gründe nicht mehr erklärbar, warum diese Wand damals für uns unattraktiv war. Durch Freunde wie Oswald Oelz und Hanspeter Eisendle, die schon öfters in dieser Gegend kletterten, waren wir informiert, wo die Felswände in Oman zu finden sind. An den umliegenden Wänden wurden von ihnen und ihren Freunden einige Routen erstbegangen. Unterschiedliche Höhen, unterschiedliche Schwierigkeiten aber immer im gleichem Stil, wofür einer ihrer Routen Pate steht: "Ramadan for Bolts". 1979 wurde die 1000 m Hohe Wand des Jebel Misht erstmals von Franzosen durchstiegen. In dreiwöchiger Kletterarbeit ging es steil bergauf, um am Gipfel vom Hubschrauber des Sultans abgeholt zu werden. Im Palast wurde das Ereignis gebührend gefeiert; zumindest wird es so erzählt. Meine Phantasie von 1001 Nacht gibt der ganzen Geschichte noch den letzten romantischen Schliff. Realität aber ist, dass Helli und ich in dieser Wand eine neue Linie klettern wollen. Da auch wir mit Bohrhaken "fasten" wollen, halten wir Ausschau nach einer klassischen, gut absicherbaren Linie, an der wir schnell an Höhe gewinnen können. Nach gutem Beobachten erkennen wir durch das Fernglas zwei mögliche Routen. Wir entscheiden uns für die linke, spannendere. Um den Faktor Hitze in unserem Abenteuer möglichst wenig Spielraum zu geben, sind wir am Planen und "Hirnen". Von den verschiedensten Varianten (wann steigen wir ein, wo machen wir Biwak) bis hin zum Vorschlag, von Norden auf den Gipfel zu steigen, um dort Wasser zu deponieren, ist alles dabei. Das Gipfelwasserdepot ist zwar beruhigend aber erscheint uns zu mühsam. Somit entscheiden wir uns für die "Kameltheorie". Unser Plan ist es, am Tag vor dem Einstieg in die Wand, soviel Wasser wie möglich zu trinken. Jede einzelne Körperzelle wollen wir mit Flüssigkeit voll pumpen. Das andauernde Wasserlassen und die Erkenntnis, dass ich nach dem eineinhalbstündigen nächtlichen Zustieg zum Wandfuß durstig bin, bringt unsere Theorie ins schwanken. Eine Woche zuvor saß ich am Institut für Psychologie in Innsbruck bei meiner Diplomprüfung. Umringt von drei Professoren lauteten meine gelernten Themen: "Soziale Gruppen" und "Mentales Training". Die dazugehörige Diplomarbeit trug die Überschrift: "Verhaltensfehler beim Hallenklettern. Häufigkeiten und Hintergründe". Nun hänge ich in dieser Wand, finde keine Anwendbarkeit für "Sozialen Gruppen", da wir ja nur eine Dyade sind. "Mentales Training" ermöglicht es nicht den Durst zu stillen und Verhaltensfehler können wir uns hier nicht erlauben. Durch unser Tun sind wir am ehesten verhaltensauffällig, aber selbst das ist kein Problem, denn hier sieht uns keiner. Weit weg von allem, fokussiert auf das hier Wichtige, klettern wir motiviert Seillänge für Seillänge durch die Wand des Jebel Misht. Unser geplantes Wandbiwak verschieben wir immer weiter nach oben. Nach über elf Stunden Kletterei steigen wir noch bei Tageslicht auf den Gipfel. Hier verschlafen wir am Lagerfeuer eine kalte Nacht!

Info:
Jebel Misht Südostwand - Oman
Erstbegehung der Route "Shukran" VII+ 1000 m 23 SL
am 14. Februar 2006 durch Helli Gargitter & Pauli Trenkwalder

Gratulation und viele Grüße an Pauli nach Südtirol vom Christian !!!



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