Sicherheitswarnung Sigibolts


Selbstgebaute "Sigibolts": Sicherheitswarnung von ÖAV & DAV ...

Quelle: Gerald Lehner/ www.bergrettung.at   

Kletterstar Albert Precht feiert in diesem Herbst 2008 seine 1001. Erstbegehung: Der Österreichische Alpenverein (ÖAV) und der Deutsche (DAV) sowie der ÖBRD gratulieren wie so viele andere Akteure. Parallel geben ÖAV und DAV eine - in Zusammenarbeit mit Precht selbst - erarbeitete Empfehlung bzw. Warnung heraus. Es geht dabei um mögliche technische Mängel der so genannten "Sigibolts", die in vielen Routen Prechts stecken - im Tennengebirge und auf dem Hochkönig-Massiv.

Thematisch unabhängig von dem großartigen Jubiläum der 1001. Erstbegehung von Albert Precht gibt es um viele Routen seit Monaten bzw. Jahren eine angeregte Diskussion unter Experten und Kletterern. Die Fachzeitschrift "berg & steigen" entwickelte sich dabei zum vermittelnden und sehr fundiert berichtenden Forum für Sichtweisen und Standpunkte. Es geht bei dieser Diskussion um die Sicherungsmöglichkeiten in vielen Routen, die von Albert Precht erstbegangen und in der Folge von ihm und seinen Gefährten mit Haken ausgestattet wurden.

Diese Empfehlung des ÖAV ist an jene Kletterer gerichtet, die als Wiederholer in Precht-Erstbegehungen hineinschnuppern bzw. diese meistern wollen:
Die in vielen Routen angebrachten „Sigibolts“ sollten NICHT wie normgerechte Bohrhaken benutzt werden. Nach umfassenden Tests, Zug- und Bruchversuchen seien sie wie geschlagene Normalhaken zu sehen, betonen Experten und der regionale Arbeitskreis AKHT.
Begriffsklärung für Laien: "Normalhaken" sind gegenüber Belastungen in allen Richtungen und aller Arten (Zug, Druck, Biegung, Abscherung ...) bei weitem nicht so widerstandsfähig wie moderne, normgerechte gebohrte bzw. geklebte "Bohrhaken", die den aktuellen Stand der Technik repräsentieren.

Tödlicher Absturz als Auslöser
Die Diskussion begann 2005 nach einem tödlichen Absturz in den Mannlwänden auf dem Hochkönig – wegen eines ausgebrochenen Hakens. Dann folgte ein Leserbrief der Bergführer Stefan Kieninger und Michael Drechsler an die Fachzeitschrift „berg & steigen“ (2/06), wonach die in vielen Precht-Routen steckenden „Sigibolts“(selbstgebauter, nicht genormter Hakentyp) grundlegenden Normen – wie sie für Bohrhaken gelten – nicht entsprechen würden.

Diese sachlich formulierte Kritik nahm der Österreichische Alpenverein (ÖAV) als Mitherausgeber von „berg & steigen“ zum Anlass, die in der Region Pongau kletternden Experten und Erschließer zu einem Treffen nach Bischofshofen einzuladen, den zentralen Ort. Ziel: Maßnahmen und mögliche Schritte sollten gemeinsam besprochen werden, um die Lage zu klären bzw. diese zu verbessern im Sinn von Risiko-Management und Verantwortungsbewusstsein. Dabei wurde von den Anwesenden auch ein "Arbeitskreis Hochkönig-Tennengebirge" (AKHT) gegründet.

Sicherheitsforschung des DAV
Ein erstes Ergebnis dieser Gespräche war eine offizielle Bitte des ÖAV – vertreten durch den Kletterer, Berg- und Skiführer, Literatur- und Sportwissenschafter  Mag. Michael Larcher (Innsbruck) – an die Sicherheitsforschung des Deutschen Alpenvereins (DAV). Diese ist europaweit für modernstes Knowhow bei der Überprüfung von Methoden und Materialien im Bergsport bekannt. Der DAV sagte prompt zu –auch aus eigenem Interesse, denn auch seine Mitglieder sind in Tennengebirge und Hochkönig-Massiv als Kletterer unterwegs und auf gute Sicherungsmöglichkeiten angewiesen. So begann die Sicherheitsforschung des DAV unter der Leitung von Chris Semmel mit Tests der so genannten „Sigibolts“, die in vielen – von Albert Precht erstbegangenen – Routen stecken.

"Sigibolts" wie Normalhaken benutzen
Vier Versuchsreihen wurden von der DAV Sicherheitsforschung durchgeführt – unter anderem in den Routen „Maiandacht“ und „der Schroa“. Aufgrund dieser Tests mit technisch-physikalischen Methoden wird vom ÖAV darauf hingewiesen, dass die verwendeten „Sigibolts“ generell wie klassisch geschlagene Normalhaken gesehen bzw. verwendet werden sollten – das heißt beim alpinen Felsklettern im Grunde sehr defensiv und keinesfalls so offensiv, wie es genormt gesetzte Bohrhaken erlauben könnten.

Hebelwirkung zum Teil sehr gefährlich Bei den „Sigibolts“ wurden zudem regional unterschiedliche und von den Setzern zum Teil selbst gemischte Mörtel-Arten verwendet. Je nach Art und Setztiefe haben ÖAV und DAV dazu einige Kriterien und praktische Richtlinien ausgearbeitet, die Wiederholer dieser Routen aus Sicherheitsgründen beachten sollten:

- Wenn Glassplitterreste im Mörtel erkennbar sind, wurde der „Sigibolt“  mit GMP fixiert. Wenn ein solcher Haken komplett bis zur Öse eingetrieben ist, das heißt ohne Hebelwirkung auf dem Schaft, darf man laut Testern eine Festigkeit wie bei gut geschlagenen Normalhaken erwarten.
- Extreme Skepsis und Vorsicht seien geraten, wenn GMP-„Sigibolts“ aus dem Fels herausstehen. Ihre Haltekräfte können SEHR GERING sein; nicht zuletzt durch die Hebelwirkung. Laut physikalischem Hebelgesetz genügen bereits geringe Kräfte, um über entsprechenden Abstand zu einem Drehpunkt (in diesem Fall die Kante des Loches im Fels, in dem der Schaft steckt) ein gewaltiges Drehmoment zu erzeugen, das sehr zerstörend – auf Materialien - wirken kann. 
- „Sigibolts“ wurden auch mit „Biber Rapid“ eingebunden. Auch diese können wir gut geschlagene Normalhaken beurteilt werden, teilen ÖAV und DAV mit. Deshalb: Nicht zu stark axial belasten ! Das heißt: Wenn möglich, nicht in jener Richtung durch Zug belasten, in die der Haken eingeschlagen wurde. Ausrissgefahr! Für radiale Belastungen kann die Haltekraft dieser „Sigibolts“ ausreichen, aber auch entspreche die Sicherheit NICHT der eines normgerecht gesetzten Bohrhakens, lautet die Warnung.
- In seltenen Fällen können sich unter den „Sigibolts“ so genannte „Totalversager“ befinden, die bereits bei geringer Belastung abbrechen.
- Grundsätzlich empfehlen die Experten von ÖAV und DAV: Wegen möglicher Setzfehler bei „Sigibolts“ sollte an Standplätzen in solchen Routen IMMER redundante Systeme zusätzlich angebracht werden.

Technisch-wissenschaftliche Tests (Ausreichsversuche) unter:
Bergrettung.at


Download der Sigibolt-Testergebnisse vom DAV-Sicherheitskreis: Sigibolt-Testergebnisse



Download der Bohrhakenbroschüre vom DAV-Sicherheitskreis "1x1 der Bohrhaken"



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